Kann technologiegestützte Ausbildung die Arbeitskräftekrise im Bauwesen lösen?
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Die Baubranche steht vor einer entscheidenden Herausforderung.
In ganz Europa kämpft die Branche mit gravierendem Arbeitskräftemangel, mit einem prognostizierten Defizit von 4,1 Millionen Bauarbeitern bis 2035.
In Litauen ist das Problem noch drängender, denn das Land zählt zu den zehn am schnellsten schrumpfenden Nationen der Welt, in dem die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2025 voraussichtlich um über 19 % zurückgehen wird.
Das wirft für politische Entscheidungsträger wie für Lehrende gleichermaßen eine dringende Frage auf:
Wie können wir diesen Trend umkehren und eine neue Generation von Fachkräften für das Bauwesen gewinnen – eine Branche, die bei jüngeren Menschen möglicherweise etwas von ihrer Anziehungskraft verloren hat?
Bauausbildung neu gedacht
Das Bauwesen wurde traditionell mit Vorlesungen, Bauplänen und technischen 2D-Zeichnungen gelehrt, wobei die Studierenden „flache“ Entwürfe gedanklich in reale Bauwerke übersetzen mussten.
Während digitale Werkzeuge wie die 3D-Modellierung von Architekten und Planern längst genutzt werden, ist die Baustelle selbst weitgehend analog geblieben.
Das Ergebnis ist eine Kluft zwischen modernen Entwurfsmethoden und der Ausführung vor Ort.
Diese Lücke lässt das Lernerlebnis veraltet und losgelöst von den intuitiven, technologiegestützten Umgebungen wirken, an die die heutigen Studierenden gewöhnt sind.
An der Technischen Universität Vilnius Gediminas (Vilnius Tech) stellen Lehrende den traditionellen Ansatz infrage, indem sie neue Technologien in ihren Lehrplan integrieren.
Ihr Ziel ist ein ansprechender, erlebnisorientierter Lernansatz, der mit modernen Baupraktiken im Einklang steht.
Um dies zu erreichen, hat Vilnius Tech Augmented Reality (AR) in seine Studiengänge für Bauingenieurwesen und BIM integriert und nutzt digitale Modelle, um das räumliche Verständnis zu verbessern und die Lücke zwischen Theorie und Anwendung zu schließen.
Eines der Werkzeuge, die diese Initiative unterstützen, ist GAMMA AR, mit dem Studierende BIM-Modelle visualisieren und mit ihnen interagieren können, indem sie sie über die reale Baustelle legen.
„Hier an der Universität lässt diese Technologie die Studierenden ihre BIM-Modelle im realen Raum erleben, was das Lernen weitaus ansprechender und praxisnäher macht“, sagte Vaidotas Šarka, CEO von InnoBIM UAB, BIM-Manager und außerordentlicher Professor an der Vilnius Tech.
Das openBIM-gestützte Klassenzimmer
Um das AR-basierte Lernen weiter zu verbessern, hat Vilnius Tech den eigenen Campus in eine praxisnahe Trainingsumgebung verwandelt.
Zwei seiner Gebäude – die Labor- und Ausbildungsgebäude – wurden nach der litauischen BIM-Methodik für digitales Bauen (Skaitmeninė statyba) errichtet.
Diese Bauwerke dienen nun als Grundlage für eine openBIM-Demonstrationsumgebung, in der Studierende BIM-Technologien in einem anwendungsnahen Kontext einsetzen.
In dieser Umgebung sammeln die Studierenden nicht nur Erfahrung im Umgang mit digitalen Modellen während der Entwurfs- und Bauphase, sondern erkunden auch deren Einsatz in Arbeitsabläufen nach dem Bau.
Sie lernen, den Ist-Zustand mit dem ursprünglichen Entwurf abzugleichen, und beginnen zu üben, wie digitale Modelle das Facility-Management und die langfristige Instandhaltung unterstützen können.
Solche Kompetenzen werden zunehmend gefragt, da sich die Branche hin zu datengetriebenem Gebäudebetrieb entwickelt.
Darauf aufbauend hat die Integration digitaler Baumethoden in die Kurse von Vilnius Tech es den Studierenden ermöglicht:
- Projekte in 3D zu visualisieren, bevor sie gebaut werden, was das räumliche Bewusstsein und Verständnis verbessert.
- Die Koordination auf der Baustelle, die Erkennung von Problemen und deren Dokumentation zu üben und so Fähigkeiten zu festigen, die für reale Projekte unverzichtbar sind.
- Früh Problemlösungsfähigkeiten zu entwickeln und zu lernen, Entwurfsprobleme zu erkennen und zu beheben, bevor der Bau beginnt.
Dieser praxisorientierte Ansatz vermittelt den Studierenden praktische Erfahrung, macht sie fit für den Arbeitsmarkt und anpassungsfähiger an die steigenden Anforderungen der Branche.
Mit Blick auf die Zukunft prüft die Universität zudem Möglichkeiten, den Einsatz von GAMMA AR auszuweiten – durch die Integration von Funktionen wie der QR-Code-Funktionalität – und bietet den Studierenden so noch umfassendere und interaktivere Lernmöglichkeiten.
Ein Blick in die Zukunft der Bauausbildung
Da das Bauwesen vor neuen Herausforderungen steht – vom Arbeitskräftemangel bis hin zum Bedarf an effizienteren und nachhaltigeren Baupraktiken –, muss sich die Ausbildung weiterentwickeln, um Schritt zu halten.
Šarka ist überzeugt, dass AR bald zu einer Standardlösung in den Arbeitsabläufen des Bauwesens wird – und dass gerade die heutigen Studierenden diese Einführung und Nutzung vorantreiben werden.
„Studierende, die lernen, AR und BIM effektiv zu nutzen, werden diese Technologien in ihren künftigen Jobs einfordern und so den Wandel der Branche vorantreiben“, sagte er.
Mit innovativen Projekten wie dem an der Vilnius Tech schließt die Baubranche die Kompetenzlücke und bereitet sich zugleich auf die Zukunft vor.
Solche Bemühungen machen den Beruf ansprechender, technologiegetriebener und attraktiver für neue Generationen – und sorgen dafür, dass die Branche langfristig zukunftsfähig bleibt.
Wenn Sie Teil einer Universität oder Forschungseinrichtung sind und darüber nachdenken, AR-gestütztes Lernen in Ihren Lehrplan aufzunehmen, nehmen Sie Kontakt mit uns auf, um zu erfahren, wie wir Bildungsinitiativen mit speziellen Programmen unterstützen.
Bild: BIM-Modell der Labor- und Ausbildungsgebäude von Vilnius Tech. Mit freundlicher Genehmigung von Vaidotas Šarka, Vilnius Tech.